Biologe über Deutschlands bekanntesten Förster

"Herr Wohlleben vermittelt kein Wissen, sondern betreibt Unterhaltung"

Nun ist der Millionen-Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" auch im Kino zu sehen. Unter Wissenschaftlern und Forstexperten herrscht jedoch bisweilen Entsetzen über die romantischen Darstellungen Wohllebens.

Ein Interview von Janne Kieselbach

Diesen Mann kennt mittlerweile ganz Deutschland: Der Förster Peter Wohlleben hat mit seinem 2015 erschienenen Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" einen großen Erfolg gefeiert. Das Buch über die Wälder und ihre Pflanzen hat sich allein hierzulande mehr als eine Million Mal verkauft. Seit Donnerstag ist nun auch die gleichnamige Naturdoku in den Kinos zu sehen.



Während Wohlleben mit seinen Thesen über kommunizierende und Schmerz empfindende Bäume bei vielen Lesern einen Nerv getroffen zu haben scheint, herrscht unter Wissenschaftlern und Forstexperten bisweilen Fassungslosigkeit über seine Aussagen. Sind Bäume tatsächlich soziale Wesen? Und stimmt es, dass nur ein unberührter Wald ein guter Wald ist? Fragen an Torben Halbe.

Zur Person

Torben Halbe, Jahrgang 1988, ist Autor des Buches "Das wahre Leben der Bäume". Darin setzt sich der Biologe kritisch mit den Thesen des Bestsellerautors und Försters Peter Wohlleben auseinander. Halbe wurde nach der Veröffentlichung seines Buches Mitarbeiter beim Deutschen Forstwirtschaftsrat.


SPIEGEL: Herr Halbe, in seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume" beschreibt Peter Wohlleben einen Schlüsselmoment seines Lebens: Er habe einen Baumstumpf entdeckt, der von den umstehenden Buchen mit Nährstoffen versorgt und damit am Leben erhalten worden sei. Er argumentiert deshalb, man könne Bäume als soziale Wesen bezeichnen. Halten Sie diese Schlussfolgerung für plausibel?


Halbe: Zwischen Bäumen bestehen manchmal unterirdische Verbindungen - insbesondere bei jenen, die sich durch Wurzelschösslinge vermehren. Und natürlich fließen da Nährstoffe, das ist einfach eine Frage der Diffusion. Es wandern Nährstoffe von Orten, an denen sie höher konzentriert sind, zu Orten, an denen sie niedriger konzentriert sind. Aber das hat nichts mit einem "Kümmern" oder einer "guten Absicht" der Bäume zu tun, von denen Wohlleben spricht. Auch in unserem Körper finden sich jede Menge Stoffflüsse - und trotzdem sagen wir nicht, das Herz habe die "gute Absicht", sich um die anderen Organe zu kümmern.


SPIEGEL: Wohlleben beschreibt Bäume außerdem als Lebewesen, die Schmerzen empfinden können. Wie ist dazu der Erkenntnisstand in der Wissenschaft?

Halbe: Ein Schmerzempfinden, wie wir es vom Menschen kennen, kann nur mit einer zentralisierten Informationsverarbeitung existieren. Beim Menschen erfüllt diese Funktion das Gehirn, Pflanzen hingegen haben keine solche zentrale Struktur. Die von Herrn Wohlleben genannten elektrisch aktiven Zellen an den Wurzelspitzen der Bäume gibt es zwar, aber sie sind eben nicht über Nervenbahnen mit dem gesamten Baum verbunden. Außerdem ist eine relevante Frage, ob Schmerzen bei Bäumen überhaupt Sinn ergeben würden. Evolutionsbiologisch empfinden Menschen und Tiere Schmerzen, um zu lernen, wie sie sich bewegen und verhalten sollen. Eine heiße Herdplatte zu berühren, tut zum Beispiel weh, weil es unserem Körper schadet. Der Schmerz eines Beinbruchs signalisiert uns, den Körper unbedingt still zu halten. Da sich eine Pflanze nicht bewegen kann, erscheint Schmerz hier jedoch sinnlos.

"In einem unbewirtschafteten Wald ist die Kapazität, Kohlenstoff aufzunehmen, irgendwann ausgeschöpft"

SPIEGEL: Die Thesen von Deutschlands wohl bekanntestem Förster legen nahe, dass jede menschliche Nutzung des Waldes zu verurteilen ist, insbesondere im Hinblick auf den Klimawandel. Stimmen Sie zu?

Halbe: Nein. Ich denke, die Argumentation greift zu kurz. Betrachtet man nur wenige Jahrzehnte, mag es richtig sein, dass die Kohlenstoffaufnahmefähigkeit des Waldes steigt, wenn man ihn in Ruhe wachsen lässt. Aber sobald die ersten Bäume absterben – sei es durch ihr hohes Alter, Stürme oder Schädlinge – beginnen Zersetzungsprozesse, die Kohlenstoff wieder freigeben. In einem unbewirtschafteten Wald ist deshalb die Kapazität, Kohlenstoff aufzunehmen, irgendwann ausgeschöpft. Wenn man aber das Holz aus dem Wald beispielsweise für den Hausbau nutzt, bleibt der Kohlenstoff im Holz gespeichert und man verjüngt zugleich den Wald. Selbst wenn man das Holz zum Heizen nutzt, setzt man im Gegensatz zum Verbrennen fossiler Energieträger nur Kohlenstoff frei, der vorher bereits in der Atmosphäre vorlag.

SPIEGEL: Wohlleben kritisiert außerdem, Förster hätten viel zu viele Monokulturplantagen mit Nadelbäumen wie Fichten und Kiefern gepflanzt. Er hält die Forstwirtschaft deshalb für gescheitert.

Halbe: Im Nachhinein ist es immer leicht, von einem Fehler zu sprechen. Zunächst ist ein Wald nie eine Monokultur, weil selbst in Reinbeständen mit einer Baumart auch immer andere Pflanzen wachsen. Außerdem sind viele unserer Wälder bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg neu gepflanzt worden, weil damals viel Holz als Reparationszahlung ins Ausland ging oder für den Wiederaufbau sowie fürs Heizen verwendet werden musste. Für die vergangenen Jahrzehnte hingegen stimmt es schlicht nicht, dass flächendeckend Reinbestände gepflanzt worden seien. Die dritte Bundeswaldinventur der Bundesregierung kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil von Mischwäldern zugenommen habe.

"Peter Wohlleben sagt den Menschen, dass man sich selbst auf den Wald projizieren kann und ihn dann schon verstanden hat"

Torben Halbe

SPIEGEL: Was gefährdet den Wald?

Halbe: Die größten Schäden sind in den vergangenen Jahren durch extremes Wetter entstanden. Dabei gibt es einen direkten und indirekten Effekt. So können Hitze und Trockenheit direkt dazu führen, dass Bäume an Wassermangel sterben. Andererseits sorgt die Erwärmung aber auch dafür, dass in unseren Breiten jetzt Schädlinge vorkommen, die es hier vorher nicht gab. Auch die Verteidigungsfähigkeit von Bäumen gegen Schädlinge leidet: Zum Beispiel kann sich die Fichte bei feuchtem Wetter mit Harz gegen Schädlinge wehren, aber in Dürrejahren klappt das nicht.

SPIEGEL: Offenkundig gibt es ein großes Interesse der Menschen an Waldthemen. Warum gelingt es Wohlleben, dieses Interesse zu befriedigen, und nicht den Wissenschaftlern?

Halbe: Herr Wohlleben vermittelt kein Wissen, sondern betreibt Unterhaltung. Er sagt den Menschen, dass man sich selbst auf den Wald projizieren kann und ihn dann schon verstanden hat. Aber so einfach ist es nicht. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind durch die zunehmende Spezialisierung heute komplizierter denn je. Wenn die Menschen belastbares Wissen über Wälder haben möchten, dann ist das anspruchsvoll und setzt voraus, dass biologische Grundlagen aus der Schule wiederholt und ergänzt werden müssen.

SPIEGEL: Herr Wohlleben erhält mittlerweile auch von Politikern Aufmerksamkeit. Anfang Februar ist er bei der EU-Kommission in Brüssel eingeladen. Was halten Sie davon?

Halbe: Dieser Umstand ist eine ganz wichtige Motivation für mich, die Thesen zu widerlegen. Wenn er nur schöne Geschichten über den Wald erzählen würde, dann wäre das alles nicht so dramatisch. Aber hier geht es zunehmend um Politik und um die Zukunft der Waldbewirtschaftung.

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